Ja, ich gestehe es, ich bin auch bei Facebook. Warum? Weil da schließlich jeder ist.
Zugegeben, es ist eine witzige Seite. Man legt sein Profil an, lädt sein Foto hoch und verrät den Leuten, ob man heute eine rote oder eine grüne Unterhose trägt. Und die 638 Freunde, die der durchschnittliche Facebook-Nutzer hat, klicken dann an, dass ihnen diese Information gefällt und hinterlassen Kommentare: "Ja, auch ich trage heute eine rote Unterhose!" Andere haben bereits Fotos von ihren roten Unterhosen hochgeladen. Oder sie nehmen an dem Facebook-Quiz teil: "Welche rote Unterhose bist du?"
Das ist alles Blödsinn?
Ich für meinen Teil finde es sehr amüsant, das alles zu betrachten. Als Friedensechse kann ich mich einigermaßen raushalten.
Es gibt noch etwas. Auf Facebook, meine ich. Man nennt es FarmVille und es ist ein Spiel. Sabrina spielt es seit Weihnachten, weil sie da von ihren Bürokollegen in die Mysterien der Facebookspiele eingeführt wurde, und ich schaue ihr manchmal zu. Eigentlich ist es wirklich putzig. Man legt winzige Felder an, auf denen man winzige Auberginen und Sonnenblumen anpflanzt. Winzige Hühner picken unsichtbare Körner und legen mysteriöse Eier, aus denen Klohäuschen schlüpfen können. Grüne Alien-Kühe geben Milktonium und all das ist sehr, sehr knuffig.
Man braucht möglichst viele Nachbarn, damit man von denen möglichst viele Geschenke bekommt. Zum Beispiel Heckenstatuen in Form einer Ziege. Ich glaube, kein einziger Farmvillespieler würde sich so etwas in echt in seinen Garten stellen, aber in der virtuellen Raum ist dieser Kitsch extrem beliebt.
Sabrina gehört der gemäßigten Fraktion an. Sie spielt Farmville nur auf Arbeit, weil man dabei nicht denken muss, wie sie sagt. Sie hat eine Handvoll "Nachbarn", aber immerhin weiß sie bei jedem, wer das im wirklichen Leben ist.
Es gibt - auf Facebook und im ganzen Netz - riesige Gemeinschaften, die sich zusammenfinden, weil jeder von ihnen gaaaanz viele Nachbarn für Farmville haben will. Dazu muss man den anderen erst auf Facebook als "Freund" bestätigen. Aber das Wort "Freund" hat auf dieser Plattform ohnehin einen sehr inflationären Gebrauch, darüber muss man ja gar nicht erst reden. Jedenfalls lese ich mit großem Vergnügen, wie Leute herzzerreißend darum bitten, man möge sie "adden" und ihnen Geschenke senden.
Überhaupt ist das mit Farmville und der "social network"-Idee so eine Sache. Immer, wenn man jemandem ein Geschenk schickt (bislang gibt es noch keine roten Unterhosen), erscheint beim Empfänger der automatische Text: "Kannst du mir eins zurückschicken?" Nun ja, das gehört eigentlich zu den ungeschriebenen Regeln des Schenkens, sagt aber sehr viel über die Denke der Farmvillemacher aus. Noch schöner ist der jüngst ausgebrochene Valentinstag-Hype. Man kann sich nun einen rosafarbenen Briefkasten auf seiner Farm aufstellen und alle Valentinsgeschenke hineinquetschen, die man von seinen Freunden ... Nachbarn ... wem auch immer erhält. Und damit man auch ja genau Bescheid weiß, kann man vergleichen, wer aus der Nachbarschaft wie viele Geschenke hat.
Genau! Der Valentinstag ist mehr als nur kommerzieller Kitsch! Er ist der ultimative Wettlauf, wer mehr kommerziellen Kitsch zusammenbekommt! Ist das nicht großartig? Hoffentlich machen wir es mit Ostereiern und Weihnachtsgeschenken bald ebenso, natürlich auch im richtigen Leben. Aber was ist das schon noch, das "richtige Leben"? Auf Facebook kennt man die Farbe meiner Unterhose, in der nicht-virtuellen Welt kennt man sie nur über Facebook.
Was, wenn der Abteilungsleiter ins Büro stürmt und schreit: "Jungs, ich trage heute eine rote Unterhose! Und hier sind Valentinstaggrußkarten für euch alle - bitte schickt mir schnell welche zurück!"
Befremdlich? Ja, noch. Aber wie lange?
Ich grüble. Aber vorerst muss ich meinen Kohlrabi ernten gehen. Wenn ihr dabei seid, Leute, seid so lieb und addet mich, denn ich brauche noch siebzehn Nachbarn, bis der Farmville-Unterhosenstore für mich freigeschaltet wird - danke!
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ResponderSuprimir